Erinnerungsfoto CL BOE Humberto Maturana 300x268[1]

Konversation mit Humberto Maturana

Clau­dia: Bernd hat­te mich vor län­ger­er Zeit gefragt, ob wir nicht zu einem kleinen Work­shop in Berlin vom Carl-Auer-Ver­lag gehen soll­ten. Hum­ber­to Mat­u­rana würde dort reden: Richtig gele­sen, ein­er von den wichti­gen Sys­temik­ern mit großem Ver­di­enst. Ich war sofort begeis­tert davon, ihn live erleben zu dür­fen und wir melde­ten uns also flugs an. Das war irgend­wann im Som­mer — in der Zwis­chen­zeit nagten dann so langsam Zweifel an mir, ob dies denn ein sin­niges Unter­fan­gen wäre, das Ganze sollte näm­lich nur auf Englisch stat­tfind­en. Würde ich das The­o­retisieren von so vie­len Experten denn über­haupt ver­ste­hen kön­nen? So verg­ing die Zeit in Ambivalenz und schließlich war die Stornofrist auch vor­bei und Tat­sachen geschaf­fen — wir fuhren.

Bernd: Am let­zten Woch­enende fol­gten wir schließlich der Ein­ladung zu dem Work­shop, doch vielle­icht erst­mal vor­weg:

Wer ist Humberto Maturana?

Mat­u­rana wurde 1928 in Chile geboren, ist Neu­ro­bi­ologe, Philosoph, zusam­men mit Fran­cis­co Varela ist er Begrün­der des radikalen Kon­struk­tivis­mus und Urhe­ber des Konzeptes der Autopoiesis. Er pro­movierte in Har­vard, arbeit­ete am MIT. Er ist ein­er der let­zten noch leben­den Teil­nehmer der leg­endären Macy-Kon­feren­zen, an denen u.a. auch Gre­go­ry Bate­son, Heinz von Förster, Kurt Lewin, Mar­garet Mead, John von Neu­mann und Nor­bert Wiener teil­nah­men und die für die Entwick­lung der Sozi­olo­gie, Kyber­netik und ander­er Diszi­plinen von großer Bedeu­tung waren.

Warum interessiert mich Maturana?

Eine sein­er Ker­naus­sagen ist, dass sich autopoi­etis­che Sys­teme nicht von Außen steuern lassen und das Men­schen solche autopoi­etis­che Sys­teme sind. Darauf auf­bauend kon­sta­tierte Niklas Luh­mann soziale Sys­teme eben­falls als autopoi­etis­che Sys­teme (3. Ord­nung), was wiederum bedeutet, dass sich auch soziale Sys­teme (wie bspw. Teams oder Unternehmen) prinzip­iell nicht von Außen steuern lassen. Da ich mich mit Pro­jek­t­man­age­ment und Organ­i­sa­tion­sen­twick­lung beru­flich beschäftige ist diese Aus­sage für mich von zen­traler Bedeu­tung, denn unsere Auf­tragge­ber erwarten typ­is­cher­weise, dass wir Mitar­beit­er, Pro­jek­t­teams, Abteilun­gen oder ganze Unternehmen ziel­gerichtet oder zumin­d­est vorherse­hbar weit­er entwick­eln, verän­dern oder zu bes­timmten Ergeb­nis­sen führen — was eben, wenn man Mat­u­rana und Luh­mann fol­gt, schlicht nicht möglich ist. Mat­u­rana ist also gewis­ser­maßen der “Erfind­er” dieses grundle­gen­den Dilem­mas und darum wollte ich diesen Mann ein­fach mal per­sön­lich ken­nen­ler­nen.

Ein großer Geschichtenerzähler

Clau­dia: Von Her­rn Mat­u­rana hat­te ich keine konkrete Vorstel­lung, dafür sehr viel Ehrfurcht und dann waren da ja noch die sprach­lichen Befürch­tun­gen — die aus­blieben.

Was war passiert? Ich erlebte einen kleinen, weisen Mann in Vorträ­gen, Dialo­gen und Monolo­gen, der seine Gedanken und The­o­rien in Form von Geschicht­en so dar bot, das kein biss­chen Platz für Langeweile aufkom­men kon­nte. Er ist ein großer Geschicht­en­erzäh­ler. Ich habe das Gefühl, immens und fundiert Kon­ver­sa­tion erlebt zu haben. Für mich ist er ein weis­er Men­sch, der nicht nur auf der Bühne das zu leben scheint, wovon er spricht. Ich ver­brachte die Zeit dort damit, zuzuhören und für mich wichtige wörtliche Zitate von ihm zu notieren. Das let­zte Zitat von ihm, das ich mir notierte, berührte mich zutief­st: “There is no sil­ly ques­tion”.

Bernd: Dank sein­er Erzäh­lkun­st brauchte ich oft nur wenige Stich­worte zur Erin­nerung an diese Geschicht­en — mit denen abruf­bar kom­plexe Sachver­halte und wichtige Ein­sicht­en verknüpft sind.

Mat­u­rana (sin­ngemäß): Als ich eines Tages mit der Eisen­bahn von der Schweiz kom­mend durch Deutsch­land fuhr und am Rhein Schlöss­er, Bur­gen, Brück­en, Türme und Hügel sah, erkan­nte ich diese wieder und erkan­nte ich auch Deutsch­land wieder — obwohl ich sie noch nie vorher direkt gese­hen hat­te und noch nie zuvor in Deutsch­land gewe­sen war. Als Kind hat­te ich Märchen zuge­hört, Märchen, die aus Deutsch­land stammten.

Bernd: In den zwei Tagen hörten und disku­tierten wir über Trans­for­ma­tion, Verän­derung, Ein­fluss, Steuerung, Iden­tität u.v.m. Zum Erk­lären ver­wen­dete Mat­u­rana immer wieder das gle­iche Bild:

Am meis­ten berührt hat mich seine Geschichte über seine Zeit in Chile unter der Dik­tatur Pinochet und sein Umgang damit.

Clau­dia Schröder, Bernd Oestere­ich

Unser Erin­nerungs­fo­to:

By the way: Viele sein­er Gedanken kön­nen in Vom Sein zum Tun — die Ursprünge der Biolo­gie des Erken­nens nachge­le­sen wer­den — ein Buch mit Gesprächen zwis­chen Hum­ber­to Mat­u­rana und Bern­hard Pörk­sen. Let­zter­er mod­erierte auch den Work­shop.